Anonymus
Reynke de Vos
(1498, Auszug)


Das Tierepos „Reynke de Vos“ erschien zuerst 1498 in der Hansestadt Lübeck im Druck. Ein Autor wird namentlich nicht genannt, doch vermutet man als Schöpfer der Satire einen Lübecker Geistlichen. Zur Vorlage diente das niederländische Versepos „Van den Vos Reinaerde“ (1375) in einer moralisierenden Bearbeitung des Hinrik van Alkmar, die erst um 1480 herausgegeben worden war. Die norddeutsche Hanse stand noch in voller Blüte, sollte aber wenige Jahrzehnte später sprachlich von der Reformation und politischem Niedergang gezeichnet sein. So ist der „Reynke“ eines der letzten und sicherlich das schönste Beispiel mittelniederdeutscher Literatur. 1544 wurde eine hochdeutsche Übertragung gedruckt, die J.Chr. Gottsched 1752 in eine Prosafassung umarbeitete. Indirekt, über die Vermittlung Gottscheds, beruht auch Goethes „Reineke Fuchs“ auf dem niederdeutschen Epos.

 

Hyr beghynt dat erste boek van Reynken
deme vosse unde van allen deren.

Wo de lauwe, konnynck aller deren, leeth
uthkreyeren unde vasten vrede uthropen unde leet
beden allen deren, to synem hove tho komen.

Dat erste capittel

Id gheschach up eynen pynxstedach,
Datmen de wolde unde velde sach
Grone staen myt loff unde gras,
Unde mannich fogel vrolich was
Myt sange in haghen unde up bomen;
De kruede sproten unde de blomen,
De wol roeken hir unde dar;
De dach was schone, dat weder klar.

Nobel, de konnynck van allen deren,
Held hoff unde leet den uthkreyeren
Syn lant dorch over al.
Dar quemen vele heren myt grotem schal,
Ok quemen to hove vele stolter ghesellen,
De men nicht alle konde tellen:
Lütke de kron unde Marquart de hegger;
Ja, desse weren dar alder degger
(Wente de konnynck myt synen heren
Mende to holden hoff myt eren,
Myt vrouden unde myt grotem love
Unde hadde vorbodet dar to hove
Alle de dere, groet unde kleyne)
Sunder Reynken den vos alleyne;
He hadde in den hoff so vele myßdan,
Dat he dar nicht endorste komen noch gan.

De quad deyt, de schuwet gern dat lycht;
Alzo dede ok Reynke, de boezewycht:
He schuwede sere des konnynges hoff,
Dar in he hadde seer krancken loff.

Do de hoff alsus anghynck,
En was dar neen, an alleyne de grevynck,
He hadde to klagen over Reynken den voß,
Den men held seer valsch unde loß.


Wo Reynke de vos van deme wulve onde velen anderen
deren wert vorklaget vor deme konnynck.

Dat ander capittel

Ysegrym de wulff beghunde de klage;
Sine vrunde, sin slechte, syne negesten mage
De gingen al vor den konnink stan.
Isegrym de wulff sprack ersten an
Unde sede: „hochgheboren konninck, gnedyge here,
Dorch yuwe eddelicheyt unde dorch yuwe ere,
Beyde dorch recht unde dorch gnaden
Entfermet yw des groten schaden,
Den my Reynke de vos heft ghedaen,
Dar ik vaken van hebbe entfaen
Grote schande unde swar vorlees.
Vor alle sake entfermet yw des,
Dat he myn gude wyff heft ghehoenet
Unde myner kynder ok nicht gheschonet;
He bemeech unde beseychede se, dar se legen,
Dat der dre ny sodder ensegen
Unde worden dar aff al starblynt.
Nochtan hoende he my noch synt;
Wente yd was eyns so vern ghekomen,
Dat eyn dach wart upghenomen,
Men scholde desse sake rychten efte scheden.
Do both syk Reynke to den eden.
Do ik den eyd wolde hebben to lesten,
Entquam unde entfor he uns in syne vesten.
Here, dat weten noch yuwe besten man,
De hir nu synt unde by my stan.
Here, ik en konde nicht in eyner weken
Alle dat quade vor yw uthspreken,
Dat Reynke, de loze valsche kumpan,
My tho leyde heft ghedaen.
Ja, were al dat laken pergement,
Dat dar wert ghemaket tho Gent,
Men scholdet dar nicht in konen schryven.
Dat lathe ik nochtans achter blyven;
Men de laster mynes wyves, de gheyt my na,
Blyft nicht unghewroken, wo yd gha.“

Alse Ysegrym syne klage sus hadde gedan,
Do quam dar eyn kleyn hundeken ghan
Unde was gheheten Wackerloß.
De klagede deme konninck up frantzoeß,
Dat he so arm was eer,
Dat he alles gudes nicht hadde meer,
Dan alleyne eyne kleyne worst
In eynem wynter up eyner horst,
Unde em Reynke de sulve nam.

Hyntze de kater do ock dar quam.
Al tornich he vor den konninck ghynck
Unde sprack: „gnedyghe here, her konnynck,
Up dat gy Reynken syn unholt,
So en is hir nemant, yunck noch olt,
He vruchtet Reynken meer dan yw.
Dat Wackerloß hir klaget nu,
Des is vele yar, des syd berycht;

De worst was myn (wol klage ik des nicht)
Wente ick was eyns in myner yacht
Unde quam in eyne molen by nacht,
Eynen slapenden molenman vant ik dar,
Dem nam ick de worst, dat is war.
Hadde Wackerloß ychteswes an der,
Dat quam al van mynen lysten her.“

Do sprack panther alzo vort,
Do desse klaghe was ghehort:
„Hyntze, latet de klage blyven,
Gy konen dar nicht vde mede bedryven.
In Reynken is altes nene ere,
He is eyn deff unde eyn mordenere.
Dat dor ick seggen by mynen eren,
Ja, dat wetten wol al desse heren.
He rovet, he stelet alze eyn deff,
He en heft ock nemande alzo leff,
Noch sulven den konnynck, dede is unse here,
He wolde, dat he gud unde ere
Vorlorre, mochte he dar an ghewynnen
Eyn veth morsel van eyner hennen.
Dat ick yw dyt bewysen mach:
He dede noch gysteren, den sulven dach,
Eyn de grotsten overdaet
An Lampen, deme hazen, de hir staed,
De node yennych deer so dede;
Wente he em bynnen des konnynges vrede
Unde bynnen des konnynges gud gheleyde
Lovede em to leren synen crede;
He lovede en to maken to eynem cappelan
Unde leten vor syk sytten ghan.
Se beghunden beyde den credo to syngen,
Men Reynke brukede van synen olden dyngen
Unde helt Lampen vaste twysschen synen been
Unde begunde em dar eyn vel to theen.
Ik quam van unschicht den sulven ghanck
Unde horde dar erer beyder sanck.
De leccie, de erst was beghunt,
Dar swegen se van tor sulven stunt.
Do ik dar hen quam gheghan,
Dar vant ik mester Reynken stan,
Unde brukede van synem olden spele:
He hadde Lampen by der kele.
Ja, ghewysse hadde he em dat lyf ghenomen,
Were ick em nicht to hulpe komen
Do sulvest to den sulven stunden.
Hir moghe gy noch seen de versche wunden
An Lampen, dem seer vromen man,
De doch nemande quad don en kan.
Ik segge yw, her konnynck unde al gy heren,
Wylle gy dyt nicht wreken unde keren,
Dat gy des konninges vrede, gheleyde unde breve
Laten sus breken van sodanem deve,
Id wert deme konnynck noch vaken vorwetten
Van velen, de yd nicht drade vorgetten,
Ok des konnynges kyndern over mannich yar.“

Do sprack Ysegrym: „yd is seker war,
Reynke doch nummer neen gud doet;
Were he doet, dat were sere guet
Vor uns allen, de gern in vreden leven,
Men wert em dyt nu vorgheven,
He wert in kort noch etlyke schoeven,
De em des nu nicht to en loven.“

 
     
  Textquelle: Karl Langosch (Hg.), Reineke Fuchs. Das niederdeutsche Epos "Reynke de Vos" von 1498, Stuttgart 1967  

 

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