Heinrich der Glîchezære
Reinhart Fuchs
(um 1180, Auszüge)


Das Tierepos von Heinrich dem Glîchezære (auch: Heinrich der Gleißner, wahrscheinlich eine Bezeichnung, die davon herrührt, daß man den Autor mit dem betrügerischen Wesen des Fuchses identifizierte) läßt sich aufgrund sprachlicher, stilistischer und inhaltlicher Merkmale in die "vorhöfische" Zeit datieren. Obwohl auch in "Reinhart Fuchs" von "Aventiure" und von "Minne" die Rede ist, den Schlüsselbegriffen der Roman- und Lieddichtung um 1200, unternimmt der Dichter alles andere, als den höfischen Idealen seiner Zeit zu huldigen: Im Gegenteil, er benutzt seine tierischen Protagonisten, um die ritterliche Gesellschaft mit beißendem Spott zu parodieren. "Aventiure" steht für eine neue Schandtat des Fuchses, und wenn er sich der "Minne" widmet, dann heißt das in der Praxis, daß die Wölfin oder ein anderes Tier vergewaltigt wird.

Geschichten über die Streitereien zwischen dem brutalen Wolf und den schlauen Fuchs gehörten wohl seit langem zum festen Grundbestand von Tier-Erzählungen in Europa. Schriftlich niedergeschlagen haben sie sich aber erst, abgesehen von antiken Fabeln, seit dem 12. Jahrhundert. Um 1150 wurden die mündlich kursierenden Anekdoten von dem lateinisch dichtenden Magister Nivardus von Gent zu dem Werk "Ysengrimus" zusammengefaßt, wobei noch der Wolf Isegrimm im Mittelpunkt stand. Etwa zur selben Zeit entstand - ebenfalls aus einzelnen Kurzfabeln - in Frankreich ein nur bruchstückhaft überlieferter "Roman de Renart", der nun den Fuchs zur Titelfigur machte und dem deutschen "Reinhart Fuchs"-Dichter möglicherweise als Quelle diente. Erhalten sind weitere französische und niederländische Fassungen des Stoffes aus dem 14. und 15. Jahrhundert, auf denen der berühmte mittelniederdeutsche "Reynke de Vos" (1498) basiert. Diesen wiederum nahm sich Goethe 300 Jahre später zum Vorbild für seinen "Reineke Fuchs".


  Der Wolf Isegrimm nimmt Reinhart Fuchs bei sich auf. Dieser bedankt sich, indem er Hersant, die Frau Isegrimms, zu verführen versucht (Verse 402 - 442).  
  Originaltext Erläuterungen  
  Do gienc Isengrim sich sprechen
mit sinem1 wibe vnde mit sinen svnen zwein.
si wurden alle des in ein,
daz er in zv gevatern nam do,
des wart er sint vil vnvro.
Reinhart wante sine sinne
an Hersante minne
vil gar vnde den dinest sin.
do hate aber er Ysengrin
ein vbel gesinde zv ime genvmen,
daz mvste im ze schaden kvmen.
eines tages, do iz also qvam,
Ysengrin sine svne zv im2 nam
vnde hvb sich dvrch3 gewin4 in daz lant.
sin wip nam er bi der hant
vnde bevalch si Reinharte sere
an sine trewe vnde an sine ere.
Reinhart warb vmb di gevatern5 sin.
do hat aber er Ysengrin
einen vbelen kamerere.
hi hebent sich vremde mere.
Reinhart sprach zv der vrowen:
"gevatere, mochtet ir beschowen
grozen kvmmer, den ich trage:
von eweren minnen, daz ist min clage,
bin ich harte sere wunt."
"Tv zv, Reinhart, dinen mvnt!"
sprach er Ysengrinis wip,
"min herre hat so schonen lip,
daz ich wol frvndes schal enpern6.
wold aber ich deheines7 gern,
so werest dv mir doch zv swach."
Reinhart aber sprach:
"vrowe, ich sol dir liber sin,
wer ez an den selden min,8
danne ein kvnic, der sine sinne
bewant9 hat an dirre minne
vnde ivch zv vnwerde wolde han."10
Nv qvam er Ysengrin, ir man.
do tet der hobischere,
alse der rede niht inwere.
 
1. Textausgabe ohne Längenzeichen
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
2. im = Reflexivpronomen, nhd. 'sich'
3. wegen, um ... willen
4. Beute
 
 
5. Gevatterin, Freundin
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
6. 'enpern' ist dialektal bedingt; im "Standard"-Mhd. 'enbêrn'
'enbêrn' (= entbehren)
7. Genitiv zu 'irgendein'
 
 
8. 'wäre es an meiner Seligkeit', (= wenn ich das Glück hätte)
 
9. Part. Perf. von 'zuwenden', 'auf etwas richten'
10. 'und Euch [doch nur] zu Unwert haben wollte'
(= ein unehrenhaftes Verhältnis mit Euch unterhalten würde)
 
 
 
  Isegrimm hat Kuonin geklagt, wie er von Reinhart mißhandelt worden war: Statt daß dieser ihn aber bemitleidet, behauptet er, die Wölfin Hersant habe Isegrimm mit Reinhart betrogen (V. 577 - 596).  
  dise clage gehorte Kvnnin.
er sprach: "was ist evch, her Ysengrin?"
"da bin ich vreislichen wunt",
sprach er, "ich wene11 gesvnt
nimmer werde min lip.
vor leiden stirbet ovch min libez wip."
Kvnin sprach: "si entvt.
si enhat sich niht so wol behvt,
als ich dich iezv hore iehen12.
ich han zwischen iren beinen gesehn
Reinhart hat si gevriet,
ichn az noch entranc siet:
mag daz gebrvetet13 sin,
ez gie vz unde in als ein bescintiz14 stabilin".
Isingrin horte mere,
div warin ime swere.
er viel uor leide in unmaht,
er wisse weder was dac oder naht.
des lachete Kovnin.
do qvam ze sich her Isigrin.
 
 
 
11. wähnen (vermuten; hier: befürchten)
 
 
 
 
12. berichten, sagen
 
 
 
13. brüten (im Sinne von: 'ein Kind ausbrüten' = Geschlechtsverkehr haben)
14. geschältes
 
 
 
 
 
 
 
  Reinhart ist auf der Flucht vor anderen Tieren, die ihn gefangennehmen wollen. Die Wölfin Hersant holt Reinhart als erste ein – und wird von ihm vergewaltigt (V. 1151 - 1187).  
  er hvb sich vf daz gevilde,
do sprach manic tier wilde:
"seht, nv vlvhet Reinhart!"
Isingrine vil zorn wart,
er hvb sich vf sine spor,
ver Hersant lief im verre vor,
daz was vil vbele getan.
irn travt15 wolde si erbizzen han
dvrch ir vnschvlde vnde
dvrch16 Isingrines hvlde.
Reinhart was leckerheit17 wol kvnt:
siner amien18 warf er dvrch den mvnt
sinen zagel dvrch kvndikeit19.
zv siner bvrc er do reit,
das was ein schonez dachsloch,
dar flvhet sin geslechte noch.
da ernerte Reinhart den lip sin.
ver Hersant lief nach im drin
mit alle wan vber den bvc.20
do gewan si schire schande genuc:
sine mochte hin noch her,
Reinhart nam des gvten21 war,
zv eime andern loche er vz spranc,
vf sine gevateren tet er einen wanc.22
Isengrine ein herzen leit geschach:
er gebrvtete si, daz erz an sach.
Reinhart sprach: "vil libe vrvndin,
ir schvlt talent23 mit mir sin.
izn weiz niman, ob got wil,
dvrch ewer ere ich iz gerne verhil."
vern24 Hersante schande was niht cleine,
si beiz vor zorne in die steine,
ir kraft konde ir nicht gefrvmen.
nv sach Reinhart kvmen
Isingrinen zornicliche.
"mir ist bezzer, daz ich entwiche",
sprach Reinhart vnde hob sich wider in.
 
 
 
 
 
 
 
15. 'ihren Vertrauten' (= Geliebten)
 
16. siehe Anmerkung 2
17. Lüsternheit
18. vgl. frz. "amie" (von "amour")
19. mit List, Verschlagenheit
 
 
 
 
 
20. 'mit allem außer über den Bauch hinaus' (= nur mit dem Oberkörper)
 
 
21. 'das Gute' im Genitiv (= die günstige Gelegenheit)
 
22. 'tat er einen Schwung' (= er schwang sich auf sie)
 
 
 
23. von heute an
 
 
24. Frau
 
 
 
 
 
 
 
  Vrevil der Löwe, König der Tiere, beruft einen Hoftag ein, um über Reinharts Schandtaten Gericht zu halten (V. 1239 - 1245 und 1321 - 1326).  
  Ditz geschah in eime lantvride,
den hatte geboten bi der wide25
ein lewe, der was Vrevil genant,
gewaltic vber daz lant.
keime tier mochte sin kraft gefrvmen,
izn mveste vur in zv gerichte kvmen.
si leisten alle sin gebot,
er was ir herre ane got.26
[...]
einen hof gebot er zehant,
die boten wurden zesant
witen in daz riche.
er wart nemeliche
in eine wisen gesprochen27
vber sechs wochen
 
25. 'bei der Weite' (= weithin, im ganzen Land)
 
 
 
 
 
26. er war außer Gott ihr [zweiter] Herr ("âne" = ohne, außer)
 
 
 
 
 
27. auf eine Wiese einberufen
 
 
  Der Prozeß hat begonnen, Brun der Bär trägt dem König im Namen von Isegrimm die Klagen gegen Reinhart vor. Dieser wird von einem Verwandten, dem Dachs Krimel, verteidigt (V. 1375 - 1400).  
  "kvnic gewaldic vnde her,
groz laster vnde ser
claget ev her Ysengrin:
daz er hvete des zageles sin
vor evch hi ane stat,
daz was Reinhartes rat28.
des schamt sich vaste sin lip.
vrowen Hersante, sin edele wip,
hat er gehonet in dem vride,
den ir gebvtet bi der wide.
daz geschach vber iren danc."29
Crimel do her fvre spranc,
er sprach: "richer kvnic, vernemt ovch mich!
diese rede ist vngelovblich
vnde mag wol sin gelogen.
wi mochte si min neve genotzogen30?
ver Hersant di ist grozer, dan er si.
hat aber ir er gelegen bi
dvrch minne, daz ist wunders niht,
wan svlcher dinge vil geschiht.
nv weste iz iman lvtzel hi:
ver Hersant, nv sait, wi
evch ewer man bringet ze mere31?
daz mag evch wesen swere.
dar zv lastert er sine kint,
di schone ivngelinge sint.
 
 
 
 
 
28. Entschluß, Einfall
 
 
 
 
29. 'über ihren Dank', sinngemäß: 'über das hinaus, wofür sie sich bedanken würde'
(ironischer Ausdruck für 'gegen ihren Willen')
 
 
 
30. 'notzüchtigen' (= vergewaltigen)
 
 
 
 
 
 
31. 'zur Mär' (= ins Gerede)
 
 
 
 
  Originaltext-Quelle:
Karl-Heinz Göttert (Hg.), Heinrich der Glîchezære:
Reinhart Fuchs, Reclam-Verlag 1987
   
zurück (Fenster schließen)            zur Startseite Deutsche Geschichte