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| Frühneuhochdeutsch
(1450 1650) a) aus dem "Sendbrief vom Dolmetschen" (1530) |
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| von Martin Luther (1483 - 1546) | in heutigem Deutsch: | ||
| Als wenn Christus spricht: Ex abundantia cordis os loquitur. Wenn ich den Eseln sol folgen, die werden mir die buchstaben furlegen, und also dolmetzschen: Auß dem uberflus des hertzen redet der mund. Sage mir, Ist das deutsch geredt? Welcher deutscher verstehet solchs? Was ist uberflus des hertzen fur ein ding? Das kan kein deutscher sagen, Er wolt denn sagen, es sey das einer allzu ein gros hertz habe oder zu vil hertzes habe, wie wol das auch noch nicht recht ist: denn uberflus des hertzen ist kein deutsch, so wenig, als das deutsch ist, Uberflus des hauses, uberflus des kacheloffens, uberflus der banck, sondern also redet die mutter ym haus und der gemeine man: Wes das hertz vol ist, des gehet der mund uber, das heist gut deutsch geredt, des ich mich geflissen, und leider nicht allwege erreicht noch troffen habe, Denn die lateinischen buchstaben hindern aus der massen, seer gut deutsch zu reden. | Wenn Christus etwa spricht: "Ex abundantia cordis os loquitur". Wenn ich den Eseln folgen soll, werden die mir den Wortlaut genau auslegen, und also übersetzen: Aus dem Überfluß des Herzens redet der Mund. Sage mir, ist das deutsch geredet? Welcher Deutsche versteht so etwas? Was ist "Überfluß des Herzens" für ein Ding? Das kann kein Deutscher sagen, es sei denn, daß einer ein zu großes Herz oder zuviel Herz hätte, obwohl das auch noch nicht richtig wäre: Denn "Überfluß des Herzens" ist kein Deutsch, so wenig wie es Deutsch wäre, (zu sagen) "Überfluß des Hauses", "Überfluß des Kachelofens", "Überfluß der Bank"; sondern so redet die Mutter im Haus und der normale Mensch: Wessen Herz voll ist, dem geht der Mund über das heißt gut Deutsch reden, und daran habe ich mich zu halten versucht, auch wenn ich es leider nicht überall erreicht und nicht immer getroffen habe, denn die lateinische Sprache hindert einen dermaßen daran, wirklich gutes Deutsch zu reden. | ||
| b) aus der "Historia von D. Johann Fausten" (1587) | |||
| anonym veröffentlichtes Volksbuch | in heutigem Deutsch: | ||
| Wie sich gemeldter Ritter
an D. Fausto wider rechen wolte / jhme aber mißlunge. Doctor Faustus name seinen Abschiedt wider von Hofe / da jhme beneben der Keyserlichen / vnnd anderer mehr Schanckungen / aller guter Willen bewiesen worden / als er nuhn auff anderhalb Meyl wegs gereiset / nimpt er siben Pferdt / in einem Wald haltend / gewahr / die auff jn streiffeten / Es war aber der Ritter / dem die Abentheuwr mit dem Hirschgewicht zu Hof widerfahren war / diese erkannten D. Faustum / darumb eyleten sie mit Spohrenstreichen / vnnd auffgezogenen Hanen auff jhn zu / Doctor Faustus nimpt solches wahr / thut sich in ein Höltzlein hinein / vnnd rennet baldt widerumb auff sie herauß / alsbaldt nemmen sie acht / daß das gantze Höltzlein voller Geharrnischten Reuter war / auff sie dar rennten / derhalben das Fersen Gelt gehen müßten / wurden aber nichts desto weniger auffgehalten vnd vmbringet / derhalben sie D. Faustum vmb gnad batten / [....] |
Wie
sich der erwähnte Ritter an Doktor Faustus rächen wollte,
ihm dieses aber mißlang Doktor Faustus nahm wieder seinen Abschied vom Hof, wo ihm neben kaiserlichen und anderen Schenkungen viel guter Wille zuteil geworden war. Als er nun schon anderthalb Meilen des Weges gereist war, nahm er sieben in einem Wald stehende Pferde wahr, die ihm auflauerten. Es war aber der Ritter (dabei), dem bei Hofe das Abenteuer mit dem Hirschgeweih widerfahren war. Diese (die Reiter) erkannten Doktor Faustus, darum eilten sie, indem sie ihren Pferden die Sporen gaben, mit Pistolen im Anschlag auf ihn zu. Dr. Faustus nahm das wahr, versteckte sich in einem Wäldchen und brach dann wieder daraus hervor, direkt auf sie zu. Sofort bemerkten sie, daß das ganze Wäldchen voller geharnischter Reiter war. Darauf gaben sie Fersengeld und rannten davon, wurden aber trotzdem aufgehalten und umringt. So mußten sie Dr. Faustus um Gnade bitten. |
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| c) aus dem "Buch von der deutschen Poeterey" (1624) | |||
| von Martin Opitz (1597 - 1639) | in heutigem Deutsch: | ||
| Es verwundert mich hefftig daß / da sonst wir Teutschen keiner Nation an Kunst und Geschickligkeit bevor geben / doch biß jetzund niemandt under uns gefunden worden / so der Poesie in unserer Muttersprach sich mit einem rechten fleiß und eifer angemasset [....] Wir Teutschen allein undanckbar gegen unserm Lande / undanckbar gegen unserer alten Sprache / haben ihr noch zur Zeit die Ehr nicht angethan / daß die angenehme Poesie auch durch sie hette reden mögen. Und weren nicht etliche wenig Bücher vor vilen hundert Jahren in Teutschen reimen geschrieben / mir zu handen kommen / dörffte ich zweiffeln / ob jemahls dergleichen bey uns ublich gewesen. Dann was ins gemein von jetzigen Versen herumb getragen wirdt / weiß ich warlich nicht / ob es mehr unserer Sprache zu Ehren als schanden angezogen werden könne. | Es wundert mich sehr, daß unter uns Deutschen, die wir sonst in Kunst und Geschicklichkeit keinem Volk nachstehen, doch bis jetzt niemand gefunden worden ist, der sich der Dichtung in unserer Muttersprache mit rechtem Fleiß und Eifer angenommen hätte. [...] Undankbar, wie wir gegen unser Land und gegen unsere alte Sprache sind, haben wir ihr bis heute nicht die Ehre angetan, schöne Poesie auch durch sie sprechen zu lassen. Und wären mir nicht einige wenige Bücher in die Hände gefallen, die vor vielen hundert Jahren in deutschen Reimen geschrieben wurden, so müßte ich zweifeln, ob so etwas (wie Literatur) jemals bei uns zu Hause gewesen wäre. Denn was zur Zeit an Versen herumgereicht wird ich weiß wirklich nicht, ob es unserer Sprache nicht mehr zur Schande als zur Ehre gereicht. | ||
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Anmerkung zu den Übersetzungen: Hinweise zum leichteren Verständnis der Originaltexte:
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