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Althochdeutsch (700 1050)
a) alemannisches "Vaterunser" (8. Jahrhundert)
 
Handschrift St. Gallen, Text: Matthäus VI., 9 - 13 Übersetzung:
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Fater unsêr, thû pist in himile, uuîhi namun dînan, qhueme rîhhi dîn, uuerde uuillo diin, sô in himile sôsa in erdu. Prooth unsêr emezzihic kip uns hiutu, oblâz uns sculdi unsêro, sô uuir oblâzêm uns sculdîkêm, enti ni unsih firleiti in khorunka, ûzzer lôsi unsih fona ubile. Vater unser, (der) du bist im Himmel, weihe deinen Namen, komme dein Reich, werde dein Wille, wie im Himmel, so (auch) auf der Erde.Unser regelmäßiges Brot gib uns heute, erlasse uns unsere Schuld, wie wir (sie) erlassen unseren Schuldnern, und verleite uns nicht in Versuchung, (aus-) löse uns von dem Übel.
   
b) aus der Übersetzung der Schrift "Contra Iudeos" des Isidor von Sevilla (* 560, † 636) (um 790)
Handschrift eines unbekannten (lothringischen?) Übersetzers Übersetzung:
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Hear quhidit umbi dhea bauhnunga dhero dhrioheideo gotes
1. Araugit ist in dhes aldin uuizssodes boohhum, dhazs fater endi sunu endi heilac gheist got sii.
2. Oh dhes sindun unchilaubun Iudeoliudi, dhazs sunu endi heilac gheist got sii, bidhiu huuanda sie chihordon gotes stimna hluda in Sinaberge quhedhenda: "Chihori dhu, Israhel, druhtin got dhin ist eino got."
3. Unbiuuizssende sindun, huueo in dheru dhrinissu sii ein got: fater endi sunu endi heilac gheist, nalles sie dhrie goda, oh ist in dhesem dhrim heidem ein namo dhes unchideiliden meghines.
4. Suohhemes nu auur in dhemu aldin heileghin chiscribe dhesa selbun dhrinissa.
5. In dhemu eristin deile chuningo boohho sus ist chiuuisso chiscriban: "Quhad Dauid Isais sunu, quhad gomman, dhemu izs chibodan uuard umbi christan Iacobes gotes, dher erchno sangheri Israhelo: Gotes gheist ist sprehhendi dhurah mih, endi siin uuort ferit dhurah mina zungun."
6. Endi saar, dhar after offono araughida, huuer dher gheist sii, dhuo ir quhad: "Israhelo got uuas mir zuo sprehhendi, dher rehtuuisigo manno uualdendeo strango Israhelo."
7. Dhar ir quhad "christ Iacobes gotes", chiuuisso meinida ir dhar sunu endi fater.
Hier spricht (man) über die Kennzeichen der Dreifaltigkeit Gottes
1. Vor Augen geführt ist den Büchern des alten Gesetzes (Testaments), daß Vater und Sohn und der heilige Geist Gott seien.
2. Trotzdem sind die Judenleute ungläubig, daß der Sohn und der heilige Geist Gott seien, weil sie hörten Gottes Stimme laut auf dem Berg Sinai, sprechend: "Höre du, Israel, der Herr, dein Gott, ist ein Gott."
3. Sie sind unwissend, wie in dieser Dreiheit ein Gott sei: Vater und Sohn und heiliger Geist sind durchaus nicht drei Götter, denn in diesen drei Wesen ist ein Name derselben ungeteilten Macht.
4. Suchen wir nun aber in der alten heiligen Schrift diese selbe Dreiheit.
5. In dem ersten Teil vom Buch der Könige ist folgendes gewiß geschrieben: "Es sprach David, der Sohn Isais, es sprach (also) der Mann, dem es geboten (geoffenbart) worden war über den Gesalbten von Jakobs Gott, (es sprach) der berühmte Sänger Israels: Gottes Geist ist sprechend (spricht) durch mich, und sein Wort fährt durch meine Zunge."
6. Und gleich, nachdem offen vor Augen geführt war, wer der Geist sei, da sprach er: "Der Gott Israels war zu mir sprechend (sprach zu mir), der stark über die rechtgläubigen Männer Israels Waltende."
7. Als er sagte "der Gesalbte des Gottes Jakobs", da meinte er gewiß (wahrhaftig) den Sohn und den Vater.
   
c) aus dem "Älteren Physiologus" (um 1050/70)  
anonyme Übersetzung einer griechischen Vorlage (2. Jh.) Übersetzung:
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<DE LEONE> Hier begin ih einna reda umbe diu tier uuaz siu gesliho bezehinen. Leo bezehinet unserin trohtin turih sine sterihchi. Unde bediu uuiret er ofto an heligero gescrifte genamit. Tannan sagit iacob to er namæta sinen sun iudam. Er choat: iudas min sun ist uuelf des leuin. Ter leo hebit triu dinc ann imo, ti dir unserin trotinin bezeichenint. Ein ist daz soser gat in demo uualde, un er de iagere gestincit, so uertiligot er daz spor mit sinemo zagele, ze diu daz sien ni ne uinden. So teta unser trotin to er an der uuerilte mit menischon uuaz, ze diu daz ter fient nihet uerstunde, daz er gotes sun uuare. Vom Löwen. Hier beginne ich eine Rede über die Tiere, was sie geistlich bezeichnen (bedeuten). Der Löwe bezeichnet unseren Herrn durch seine Stärke. Und deshalb wird er oft in der heiligen Schrift genannt. So sagte (es) Jakob, als seinen Sohn Judas nannte. Er spricht: Judas, mein Sohn, ist ein Welpe des Löwen. Der Löwe hat drei Dinge an sich, die dir unseren Herrn bezeichnen. Eines ist, daß wenn er im Wald (umher-) geht, und (wenn) er die Jäger wittert (gestincit, wörtl. "stinkt, riecht"), dann vertilgt er die Spur mit seinem Schwanz, damit sie ihn nicht finden. So tat (machte es) unser Herr, als er in der Welt mit den Menschen war, damit der Feind nicht verstünde, daß er Gottes Sohn wäre.
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Anmerkung zu den Übersetzungen:
Die Übersetzer waren bemüht, bei allen Texten so nah wie eben möglich am Original zu bleiben, d.h. auch – soweit dabei die Verständlichkeit der neuhochdeutschen Übertragung gewahrt bleiben konnte – den Wortlaut und die Wortstellung möglichst genau einzuhalten, um die Verwandtschaft des Wortschatzes und der Strukturen durchsichtig zu machen. Wir wissen wohl, daß es in modernen Bibeln "Führe uns nicht in Versuchung" heißt. Wenn aber in nordischen oder englischen Texten "leið" bzw. "lead" steht, schien uns die Übersetzung mit "leiten" erhellender zu sein. Es ging hier nicht darum, "schönes" Hochdeutsch zu schreiben oder Übersetzungskonventionen einzuhalten. Wo der nhd. Textsinn dadurch unklar werden konnte, sind Erläuterungen bzw. hinzuzudenkende Wörter in Klammern angeführt. Für Hinweise auf eventuelle Übersetzungsfehler sind wir jederzeit dankbar. Bitte hier klicken, um Mitteilung zu machen.

Hinweise zum leichteren Verständnis der Originaltexte:
Akzente auf Vokalen bedeuten, daß die jeweilige Silbe den Hauptton des Wortes trägt. Ein "Dach" (^) zeigt an, daß dieser Vokal lang zu sprechen ist; æ steht für den deutschen Umlaut ä, ø und œ für deutsches ö, skandinavisches å für einen offenen o-Laut (mit gerundeten Lippen). Das Thorn (groß Þ, klein þ) repräsentiert den stimmlosen englischen th-Laut (z.B. in "death"), ð stimmhaftes th wie in "that". In mehreren mittelalterlichen Texten ist u an manchen Stellen als u, an anderen als v zu lesen; entsprechend steht uu sehr oft, wie im englischen Buchstaben-Namen "double-U" noch erhalten, für das heutige w. Der letzte Hinweis gilt besonders für die altdeutschen und altniederländischen Texte.

 

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